Hej Norwegen: Ich möchte hier wirklich nicht sein

Written by Laura Schulte, Berlin 29. Juli 2019

Der Titel klingt negativ? Ist er, sorry. Ich war in Norwegen. Und mal so gar nicht begeistert. Ich weiß, Blogger, vor allem Reiseblogger, schreiben immer von tollen Zielen und wie unfassbar super alles war, wie schön und süß und herrlich, und dass man sich vor Highlights kaum retten konnte. Vorweggenommen: Meine Norwegen-Highlights sind kaum nennenswert. Aber ich dachte, wieso nicht einen Beitrag schreiben, der widerspiegelt wie es wirklich war. Also so richtig . Gar nicht mal so cool. Eher ziemlich uncool. Aber hey, lest selbst!

Trondheim ist ein süßer Ort und mit Sicherheit kann man dort eine tolle Zeit haben. Das „toll“ halt nicht total betont, eher so, prima. In Oma-Stimme.

Spät abends kommen wir in Trondheim an. Was aber eigentlich im März keine Rolle spielt, da es nur circa 5 Sonnenstunden gibt und die Sonne sich in dem Zeitraum meist eh nicht blicken lässt. Das sollte nur der erste Wermutstropfen sein. Aber hey, dafür entschieden, in ein Land zu fahren, dass eben wenig Tageslicht hat, haben wir uns ja irgendwie ganz bewusst. Durchdacht war es scheinbar nicht so.

Ich befinde mich an der Westküste von Norwegen, gerade dort wo das Land schmaler und die Tage kürzer werden. Trondheim ist ein süßer Ort und mit Sicherheit kann man dort eine tolle Zeit haben. Das „toll“ halt nicht total betont, eher so, prima. In Oma-Stimme. Mein Highlight war allerdings die Entdeckung von Brunøst Brod: Brot mit braunem norwegischem Käse mit leichtem Karamellgeschmack. Das war ziemlich super. Kulinarisch dann aber auch wirklich positives Alleinstellungsmerkmal, daher kommt dieser Bericht unter die Kategorie MOVE und definitiv nicht TASTE.

Nimmt man den Bus Richtung Zentrum, fährt man über die Schnellstraße durch den Ort ‚Hell‘ und fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie AC/DC im Jahr 1979. Nach kurzer regnerischer Entdeckungstour durch das kleine Trondheim fahren wir mit dem Bus nach Frøya. Eine Halbinsel vor einer Halbinsel vor dem norwegischen ‚Festland‘. So fest ist das Land aber gar nicht. Die vielen Berge und Fjorde zersplittern die Nation und ziehen Autofahrten in die Länge. Was aber nicht maßgeblich schlimm ist, da man so immer etwas zu schauen hat und irgendwie passiv das Land kennenlernt. Und das ist halt auch irgendwie nett in dem Urlaub.

Frøya begrüßt uns mit viel Regen und noch mehr Wind. Noch durch ein paar Tunnel mit dem Auto und wir erreichen unsere kleine Hütte. Fast jede Nacht, die wir vor Ort sind, wütet ein Sturm über die kleine Insel und die Bäume peitschen gegen die Fenster. Irgendwie romantisch, irgendwie aber auch gruselig. Ich bin hin und hergerissen. Maßgeblich positive Adjektive fallen wir dazu leider nicht ein.
Auf der Insel bewegt man sich entweder mit dem Auto – oder eben gar nicht. Um spazieren zu gehen, muss man bestimmten Gebiete aufsuchen, da es grundsätzlich erstmal keine Fußgängerwege gibt. Spazieren gehen fällt also auch eher flach.

Die kulinarische Vielfalt auf Frøya oder Hitra begrenzt sich auf labberige Tankstellen-Hotdogs oder schlechte italienische Imbissküchen am Straßenrand. Wir ziehen weiter und reisen an einen Ort, von dem wir lediglich die Koordinaten kennen. Strand und Berge heißt es verheißungsvoll in der Beschreibung der Unterkunft. Die Luftliniendistanz kann hier zur Fahrstrecke sehr stark variieren, merken wir wieder einmal. Das Land ist weiterhin gezeichnet von Bergen und Wasser und auf den Straßen fährt man Slalom. Aber nicht diesen lustigen wie beim Skifahren, sondern eher einen zum übel werden. Man taucht in die norwegischen Bergwelten ein und fährt gern auch mal zwei Kilometer am Stück bergab. Die Tunnel sind dunkel und eng und wenn man wieder auftaucht, ist man in einer ganz anderen Welt. In einer schönen oder eben auch einer nicht so schönen mitten in Norwegen. Gerade noch fahren wir durch satte grüne Wiesen, schon tauchen wir am Ende des Berges in Narnia auf. Gefühlt zumindest. Ein bisschen spannender wäre Narnia schon. Aber hey, wir sind halt jetzt hier in Norwegen.
Auf fünf Stunden Fahrt haben wir verschiedenste Kulissen durchquert: Zwei Meter hohen Schnee, kluftige Berge und grüne Wiesen, Wasserfälle und Fjorde. Die roten Holzhütten verzieren den ganzen Weg lang den Horizont.
Angekommen an unserer Unterkunft, stellten wir recht schnell fest, dass unsere Autofahrt vermutlich das Schönste an unserer Reise gewesen sein soll. Der ‚Strand‘ ist salopp gesagt das Ende vom Meer und der Anfang des Festlandes. Also eher so meh. Strand wäre auf jeden Fall nicht das erste Wort, welches mir dazu einfiele.

Eine Nacht später machen wir uns auf nach Bud und Kristiansund. Das Einzigartige an Bud in Norwegen sind ein paar alte Militärstützpunkte aus dem zweiten Weltkrieg. Wow.
Kristiansund war die am wenigsten traditionelle Stadt, die wir auf unserer Reise durchquert haben. Hier stehen leider keine hübschen Holzhäuser und der Hafen versprüht eher so ein Minimum an Charme. Auch hier hat uns nur der Fakt gehalten, dass wir immerhin zehn Euro für den Tunnel zahlen mussten, um hierher zu gelangen. You gotta do, what you gotta do.

Ich könnte jetzt noch mehr nüchterne Feststellungen über das skandinavische Land wagen. Aber belassen wir es dabei. Norwegen an sich hat atemberaubend schöne Natur zu bieten. Was die Städte und Orte angeht, waren unsere Ziele ein echter Reinfall. Große Städte wie Oslo oder der hohe Norden sind vermutlich und hoffentlich sehenswerter. Ist dem so? Ich freue mich über Geheimtipps, falls wir es tatsächlich noch mal nach Norwegen wagen sollten.

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